Kinoplanung

"Gute Töne für gute Kinos"

Interview

"In vielen Jahren Berufserfahrung in der Medienbranche habe ich oft die Erfahrung gemacht, dass Projekte, egal ob Kinos, Studios oder Konzerthallen, oft unter enormen Zeitdruck realisiert werden müssen. Dies führt nicht selten dazu, dass wichtige Planungsphasen wie zum Beispiel die Akustikplanung zu kurz kommen."  Das berichtet Hanno Ziesche von der Biebertaler Ziesche Akustik & Projekt Consulting. Am Beispiel eines neuen Multiplexes verdeutlicht er die Notwendigkeit einer frühzeitigen professionellen Begleitung eines solchen Projektes durch umfassende Fachplanung.

Manchmal ist alles zu spät

Er merkte immer an den Fragen, die er gestellt bekommen habe, auf welch erstaunlich unsicheres Terrain sich einige Bauherren begeben hatten. Doch zwei Monate vor Kino-Öffnung war es dann meistens zu spät, um solche Probleme wie störende Heizungsrohre, laute Lüftungsgeräusche, Positionierung der Bildwand, falsche Projektions- oder Sichtwinkel zu beheben. Es entstand also ein Vakuum, das nicht mehr gefüllt werden konnte, da "baulich bereits feststehende Tatsachen" geschaffen wurden.
Aus dieser Erfahrung heraus ist also die Projekt-Beratungsfirma entstanden. Ziel ist es, von Anfang an, also schon bei Beginn der Planung, mit dem Architekten zusammenzuarbeiten, um die grundlegenden Fragen der Kinotechnik und Kinoausstattung zu klären – die ja bereits mit der Investitionsphase losgehen. "Der Bedarf ist absolut da," so Ziesche, "wenn ich mir überlege, was wir in den 50er und 60er Jahren für ein Know-how hatten... . Da gab es zwar noch kein THX, aber es war einfach bekannt, wie die Lüftung gebaut werden muss, oder wie das mit den Sichtwinkeln funktioniert. Als dann in den 70ern die großen Säle in viele kleine unterteilt wurden, ist auch dieses Know-how z. T. verloren gegangen."

 

Erst mit der Einführung von THX fing es wieder an, dass man gezwungen wurde, bestimmte Werte einzuhalten, weil man sonst das berühmte Label nicht bekam. Man musste also wieder anfangen, sich Gedanken um die kinotechnischen Möglichkeiten zu machen: "Dadurch, dass sich digitale Tonformate flächendeckend durchgesetzt haben," sagt Ziesche, "hat man auch bei Nicht-THX-Kinos die gleichen Anforderungen an Kinotechnik und Akustik. Jeder Kinogänger hat heute bestimmte Erwartungen an ein Theater: Er möchte ein großes Bild – aber nicht zu groß, der Bildabstand muss stimmen, die Vergrößerung darf nicht derart sein, dass man in den ersten drei Reihen jeden einzelnen Pixel sieht; sie muss aber auch so groß sei, dass man in den letzten Reihen ein noch ausreichend vernünftiges Bild hat."

Dieser Standard habe sich inzwischen durchgesetzt. Er sei ja eigentlich auch keine Erfindung von Lucasfilm, denn was die Projektionstechnik anbelangt, haben sich die THX-Leute eigentlich nur die Vorgaben der amerikanischen Techniker-Vereinigung SMPTE übernommen. Deren Katalog gilt als Standard für die technische Anlage in jedem amerikanischen Top-Theater und in allen Studios.

Fragen, die immer wieder auftauchen

Wie sieht nun die Praxis aus? Es gibt bestimmte Fragestellungen, die am Anfang immer auftauchen: Wie müssen die Wände aufgebaut sein, damit man von Saal 1 zu Saal 2 nichts mehr hört? Wie setzt man die Lüftungsanlagen in das Haus, damit eine möglichst gleichmäßige Belüftung aller Säle erreicht werden kann, und wie führt man die Lüftung zu, damit das Geräuschniveau in den einzelnen Sälen nicht stört? Wie konstruiert man überhaupt die Lüftung, damit durch die Kanäle nicht auch noch ein Übertragungsschall dringt? Wie ordnet man die Lüftung, die Beschallung oder die Bildwand an, damit man keinen Platzverlust erlebt?
Auch die Frage der Notausgänge stelle sich sehr früh: "Es gibt Architekten, die setzen den Notausgang vorne rechts hin. Was passiert? Die Bildwand wird eingeschränkt, außerdem blendet die Notbeleuchtung störend. In welchem Verhältnis muss die Terrassierung geplant werden, damit man eine ordentliche Sichtlinie hat?
Dann muss man auch die Projektionsräume so planen, dass der Projektionswinkel nicht zu steil wird, sonst gibt es eine zu starke Verzerrung im projizierten Bild, aber gleichzeitig muss man vermeiden, dass ein Zuschauer, der in den hinteren Reihen aufsteht, auf der Leinwand Schatten wirft."

 

Diese Fragestellungen, so Ziesche, seien eigentlich "Basics", doch werden sie bei der Planung eines Wiedergaberaumes zu spät berücksichtigt, kann es zu katastrophalen Entwicklungen kommen:
"Da gab es zum Beispiel ein Kino, bei dem die Wand zum Vorführraum vom Bauamt als ‘Brandwand’ definiert wurde.
Alle Fenster, die in einer solchen Wand eingebaut werden sollen – also auch die Projektionsfenster – müssen die ‘Spezial-Glas-Norm G-90’ einhalten: sie würden 30 Prozent Licht schlucken! So etwas muss man eben im Vorfeld abchecken, damit man hinterher nicht vor den Scherben steht."

Das, was Hanno Ziesche mit seinem Unternehmen leistet, ist aktive planerische Zuarbeit für die Architekten, das Zur-Verfügung-Stellen von Fachwissen. "Man kann ja von keinem Architekten erwarten, dass er schon zehn Kinos gebaut hat. Ich sehe mich daher als Schnittpunkt, nicht nur was die Kinotechnik betrifft, sondern für die Zulieferer: Heizungsbauer, Elektriker, Trockenbauer, etc."

DrahtmodellDer virtuelle Kino-Raum
im PC

Zentralpunkt der Akustik-Planung ist die Simulation am PC: Schon während der Architekt an der Planung arbeitet, ist die Akustik & Projekt Consulting dabei. Es wird die erste Computersimulation erstellt, mit der man sich in erster Linie um die Akustik kümmert. Aufgrund des Bauplans wird dann im Rechner ein virtueller Raum entwickelt – im Prinzip der ins Dreidimensionale umgesetzte Architektenentwurf.

Der Rechner kann dann den verschiedenen Oberflächen, die dort entstehen, verschiedene akustische Materialien zuweisen. Danach wird jenes Material ausgewählt, das für diesen Raum am günstigsten erscheint.
Der Rechner entwickelt schließlich eine so genannte optimale Nachhall-Kurve (Nachhallzeit in Sekunden bei jeweiliger Frequenz). Anhand dieser Kurve kann mit verschiedenen Materialien experimentiert werden: "Zu diesem Zeitpunkt lassen sich noch die Wünsche des Bauherren umsetzen, wenn er zum Beispiel keine Stoffbespannung, sondern eine glatte Oberfläche haben will. Oder wenn eine abgehängte Decke für ihn überhaupt nicht in Frage kommt."
Die theoretische Simulation einer Akustik sei natürlich eine "tolle Sache", die auch eine gewisse Planungssicherheit bringe.

Allerdings müsse man auch baulich darauf achten, dass die Materialen, wie sie im Computer simuliert wurden, später dann auch benutzt werden: "Sonst gibt man eine theoretische Arbeit ab, das wird irgendwie gebaut und nachher stimmen die Werte überhaupt nicht überein. Alles in Allem müssen technische Hilfsmittel und jahrelange Erfahrung Hand in Hand gehen, um das optimale Ergebnis zu erreichen."
Alle notwendigen Maßnahmen werden in Zusammenarbeit mit dem Architekt beschlossen. In mehreren Bausitzungen wird immer wieder eine Abstimmung mit den Planungsbeteiligten und dem Bauherrn vorgenommen. Sind die Eckpunkte einmal festgelegt, gibt es kaum noch eine Abweichung von der simulierten zur tatsächlichen Nachhallkurve, maximal zehn Prozent (siehe auch Graphik unten).

EASEWenn Ziesche mit einer Simulation beauftragt wird, geht er grundsätzlich von der THX-Norm aus. Da spiele das Geräusch von außen schon eine große Rolle, man dürfe den Geräuschpegel nicht zu hoch halten.
"Ich hatte in Frankreich einen Projekt," erzählt Ziesche, "da hat ein Kinobesitzer im riesengroßen Keller unter der Foyer-Ebene eine Diskothek eingerichtet. Das Gebäude war aber niemals dafür gebaut worden, es war ursprünglich ein Postverteilungszentrum: Dort gab es nur Betondecken mit einem Dämmmaß von ca 40 db. Eine Diskothek erzeugt locker 110 db, das heißt, der Kinobetrieb würde ganz empfindlich gestört. Da muss man sich eine Konstruktion ausdenken, die diesen Schall nach oben abschottet, die trotzdem stabil genug ist, damit die Leute dort tanzen können, die aber auch keine Trittschallübertragung zulässt, denn diese wird über die Konstruktion nach oben weitergegeben. Mit solchen Dingen beschäftigen wir uns."

THX Messung

Alles, was man über THX wissen sollte

Ziesche sieht sich als Koordinator, der zuarbeitet, über alle Planungsentwicklungen Bescheid weiß, gerade auch was THX betrifft: "Ein Theater oder Studiobetreiber entscheidet sich, THX einzusetzen. Er schickt seine Pläne nach USA, die werden dort überprüft und man entscheidet bei der ersten Übersicht, ob THX grundsätzlich möglich ist oder nicht. Wenn der Auftraggeber seine erste Gebühr bezahlt hat, kommt von THX ein Bedingungskatalog. Diesem Plan ist zu entnehmen, was zu erfüllen ist, um die Norm einzuhalten und nun muss man das baulich umsetzen.
Nur: Welcher Architekt weiß genau, was jetzt zu tun ist? Das THX-Team kommt lediglich am Schluss zum Abmessen der Werte – wenn diese stimmen, haben die am Bau Beteiligten gute Arbeit geleistet, wenn nicht, gibt es keine Zulassung, also kein Logo, mit dem man werben darf.

 

Lucasfilm THX kümmert sich also nicht darum, was der Betreiber tun muss, um die Standards zu erreichen, sondern sie interessieren sich nur für die endgültigen Werte. "Wir kennen allerdings die Vorgaben, und das ist die Planungssicherheit, die wir unseren Kunden geben können."
Und wie rechnen sich die zusätzlichen Planungsleistungen für den Betreiber? "Natürlich sind wir ein Posten, der erst mal bezahlt werden will, wir vermitteln schließlich Know-how. Aber der Preis für unsere Leistungen ist nur ein Bruchteil dessen, was man für den kleinsten nachträglichen Umbau, für irgendeine Wand, die noch abgerissen wird, bezahlen müsste. Außerdem: es spart eine Menge Stress . . ."

 

 

Novum - Brandenburg

 


 

 

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